„Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben“ heisst es im Volksmund.

Dieses Zitat wird wahlweise Napoleon oder Churchill zugeordnet. Wo es seinen Ursprung auch hat, die Aussage bleibt die gleiche: Geschichtsschreibung ist häufig erlogen. Die Sieger geben den Ton an, sie entscheiden, was am Ende in den Schulbüchern steht. Die Verlierer aber müssen mit den Konsequenzen leben, sie können sich nicht rechtfertigen. Wie aber sieht es denn nun tatsächlich aus mit der Geschichtsschreibung der Sieger? Werden die Verlierer durchweg verteufelt?
Quelle (mit kleinen Änderungen): Universität Heidelberg 

Achtelfinal – Ramon gegen Fabian 

Die Erinnerung an letztes Jahr ist mir noch gut präsent. Fäbu hat mich in der allerersten Runde mit Weiss vom Brett gearbeitet wie ein Förderband. Ich hatte nie eine Chance. 

Entsprechend motiviert trat ich die Partie an – Revanche ist angesagt! Dieses Mal durfte ich die weissen Steine führen. Fäbu hatte keine Antwort auf die ihm bekannte Eröffnung. Es war nicht sein Tag. Der Ausgang der Partie war gleichermassen klar wie ein Jahr zuvor. Ich habe mich rehabilitiert. 

Viertelfinal – Ramon gegen Oleg 

Oleg hatte mich in unserer ersten Blitzpartie online besiegt. Ich war gewarnt. 

Wieder mit Weiss erspielte ich mir aus der Eröffnung einen klaren Vorteil. Anstatt die Stellung weiter zu verbessern, münzte ich den Vorteil in einen Bauern um. Die daraus entstandene Initiative für Schwarz konnte ich zwar wie geplant konsolidieren. Doch Oleg spielte weiter aktiv und ich einen unpräzisen Zug. Es war nicht mein Tag. Der Mehrbauer war weg und die Partie flachte in eine absolut ausgeglichene Stellung ab. Keine der beiden Seiten konnten noch etwas reissen. 

Eine zweite Partie mit vertauschten Farben musste her. Dabei war die Terminfindung die grösste Herausforderung. Schliesslich durften wir zu Gast bei Willy’s Schachabend spielen. Nach wenigen Zügen war ich aus der Theorie. Das schnelle Spiel von Oleg kam meinem langsamen Spiel nicht entgegen. Dafür spielte Oleg etwas weniger präzise als in unserer ersten Partie. Als die Letzten von Willy’s Schachgruppe das Kreuz verliessen, war ich zwar klar im Vorteil, aber Oleg konnte noch ein paar Drohungen aufstellen und die Niederlage herauszögern. Nachdem die Angriffe pariert waren, tauschte sich die Stellung in einen überwältigenden Materialvorteil ab. 

Halbfinal – Ramon gegen Bruno 

Wer ist Bruno? Eine Bekanntschaft von Roli V. Ich hatte keine Ahnung, was am Brett von ihm zu erwarten ist. Zwar wähnte ich mich den Favoriten, doch hat ja auch Bruno den Halbfinal erreicht. 

Zum dritten Mal mit Weiss war ich bereits nach drei Zügen aus der Theorie. Brünu opferte einen Bauern für Aktivität. So entstand eine interessante Partie. Wieder benötigte ich viel Zeit, wieder spielte mein Gegner schnell. Im Verlauf der Partie wuchs mein Materialvorteil, doch Schwarz fand immer wieder neue Drohungen. Ich spielte solide weiter bis mir mein Gegner mit der Aussicht auf einen Minusturm (nebst sechs Minusbauern) die Hand reichte. Ein attraktiver Spielstil und eine spannende Persönlichkeit – Brünu gehört definitiv in den Schachklub! 😊 

Final – Paul gegen Ramon 

Es kam, wie es kommen musste – die beiden mutmasslich Topgesetzten im Final. Ich hatte vor Pöik sowieso schon immer viel Respekt. Aber wenn sogar Manu die schachliche Kreativität von einem Spieler betont, dann muss sich jeder in Acht nehmen! 

Eigentlich hätte ich mich auf diesen Final sogar vorbereiten wollen. Aber unsere Direktbegegnungen auf lichess (9.5 – 0.5) schmälerten meine Motivation. Zudem spielten wir immer Varianten, die mir einigermassen gut bekannt sind. Dazu kam der Silvester in London und der Umzug des Ponys am Vormittag. Ich war zu nachlässig. 

Erstmals musste ich mit Schwarz ran. Pöik spielte schon im dritten Zug eine Variante, die er gegen mich noch nie ausgepackt hatte. Nach seinem sechsten Zug war ich schon wieder aus der Theorie. Schnell spielte Pöik, schnell war mein Nachteil auf der Uhr gross. Immerhin gelang es mir, die Stellung ausgeglichen zu halten. 

 

Wir spielten für unsere Verhältnisse mit 17. 0-0 Tc8 18. Tae1 Sb4 19. Db1 Sxd3 20. Dxd3 0-0 21. Kh1 b5 22. Se5 Db7 in einer ausgeglichenen Partie präzise weiter. 

 

Hier gefiel mir die Stellung. Bis Pöik seinen nächsten Zug spielte: 23. g4?! Dieser Zug ist zwar gemäss Computer nicht gut, hat mich aber trotzdem beeindruckt. Mit den unzähligen Angriffsvarianten für Weiss im Kopf und der unerbittlich stumm vor sich hin tickenden digitalen Uhr im Auge wählte ich die sichere Option und tauschte meinen in einem möglichen Endspiel ohne Schwerfiguren vermutlich besseren Läufer gegen den ideal postierten Springer: 23… Lxe5 (b4!) 24. Txe4. Spätestens jetzt sind die Fronten geklärt – Schwarz spielt am Damenflügel, Weiss am Königsflügel. Ob ich das überleben werde? Noch war ich optimistisch. 

Wieder fanden wir die richtigen Züge, um die Partie im Gleichgewicht zu halten: 24… b4 25. g5 bxc3 26. gxh6 g6 27. bxc3 Kh7 28. Tg1 De7. An dieser Stelle habe ich mich gefragt: Welche Figur kann Weiss eigentlich nicht opfern? Ich musste alles in Betracht ziehen. Das mit kaum mehr Zeit auf der Uhr. 29. Dg3 Df6 (Kxh6! wäre einfacher gewesen) 30. h4 Kxh6 31. h5 Tg8 32. Tg5. 

 

Ist es zu glauben, dass diese Stellung durch Stockfish 15.1 mit 0.00 bewertet wird? Auf jeden Fall war ich nicht mehr so optimistisch. Insbesondere weil ich nicht gut schnell spielen kann und zu diesem Zeitpunkt nur noch den 30-Sekunden Zeitbonus auf der Uhr hatte. 

Die wenigen noch folgenden Züge wurden der ansonsten hochstehenden Finalpartie nicht gerecht. Zuerst begann ich in der Zug- und Zeitnot einen Fehler. Dann passierte Pöik – im Versuch, mich weiter unter Druck zu setzen – das gleiche Missgeschick. Er überlegte kurz, lachte und meinte «da habe ich wohl zu schnell gespielt». Pöik reichte mir, ganz der gestählte Sportsmann, zur Gratulation die Hand. Wie so oft war der Sieger derjenige, der den zweitletzten Fehler beging. Aus positivem Blickwinkel habe ich mir den Titel durch die resiliente Verteidigung verdient. 

Fazit 

Früher war die Eröffnung eine meiner Stärken. Heute scheint es eher eine Schwäche zu sein. Was ist während der Pandemie nur passiert? Es hat sich wieder einmal bestätigt: abends spiele ich bedeutend schlechter als nachmittags. Ich bin und bleibe ein stolzes Mitglied des Schachklubs Entlebuch. Aber der Weg nach Schüpfheim ist trotz interessanten Gegnern und spannenden Partien einfach zu weit. Insbesondere wenn Schnee auf den Strassen liegt. Über den Turniersieg freue ich mich sehr, über den [die aus meiner Sicht angebrachten Adjektive lasse ich lieber weg] Pokal weniger. 😉 Vielen herzlichen Dank an alle Gegner für die tollen und fairen Partien! 

Schachabend in Schüpfheim

Interessierte Schachspieler/-innen jeden Alters und Spielstärke laden wir herzlich zum Schachabend ein.

Termin
Jede dritte Woche
(abwechselnd Mo/Di/Do)

Zeit/Ort
19 Uhr / Hotel Kreuz, Schüpfheim

Anmeldung
praesident@schach-entlebuch.ch

Termine

23 Feb 2023
19:00 - 23:30
Schachabend
27 Feb 2023
19:30 - 23:30
IGM Schlussrunde
11 Mär 2023
18:30 - 23:55
GV Schachklub Entlebuch
20 Mär 2023
19:00 - 23:30
Schachabend